Berliner Zeitung: "Visuelle Experimente" 29. Oktober 1996
Artikel zu Abschlussarbeit Film am Institut für Europäische Ethnologie "In der Ethnologie kann Abschlussarbeit Film sein"
Visuelle Experimente
In der Ethnologie kann Abschlußarbeit Film sein
Dirk Keil
Zwar noch nicht lange, aber seit zwei Jahren ist es möglich: Eine Magisterarbeit am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität kann auch ein Film sein. Zwei solcher Arbeiten sind so auch schon entstanden, zwei weitere befinden sich derzeit im Produktionsprozeß. In der vergangenen Woche wurden die Ergebnisse des akademischen Filmemachens als Bestandteil einer Studienabschlußarbeit erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.
Im großen Vorlesungssaal des Institutes, am Schiffbauerdamm 19, wurden nicht nur die bereits fertigen Streifen, sondern auch die laufenden Projekte vorgestellt. Die Themenpalette reicht von Alltagsbeobachtungen in einer Landkommune über eine Untersuchung von Lebenskulturen in einer Rostocker Plattenbausiedlung und das Leben in Berlin aus Sicht von Roma-Familien bishin zu einem Film über Toten- und Trauerrituale in unserer hoch technisierten Welt.
Willi Büsing, einer der Studierenden, die noch an ihrem Forschungsprojekt arbeiten, sieht in der Kombination von Studium und Film eine Chance "für ein visuelles Experiment Film". Das Ergebnis sehe er "sowohl als künstlerisches als auch als wissenschaftliches Material" an. So geht es ihm darum, angesichts der durch Fernsehästhetik geprägten zeitgenössischen Bildsprache Möglichkeiten für ein anderes Sehen zu befördern. Sensible Beobachtungen des Alltags und das Einlassen auf dessen Gewöhnlichkeit sollen eine Chance gegenüber immer kürzeren Filmschnitten und immer größeren Sensationen bekommen. Ob dies gelingt, hängt nicht zuletzt davon ab, ob sich für die Filmstreifen der Studierenden eine interessierte Öffentlichkeit findet. Anders als schriftliche Arbeiten wollen die Magisterfilme nämlich durchaus ihr Publikum finden.+++
