Rede zur Ausstellungseröffnung "Malgründe" 2004
Eröffnungsrede von Sascha Wenzel zu "Malgründe" 2004
"Vernissage" heißt "Vorabbesichtigung". Das erste Wort schmeichelt - es lässt an Prosecco denken, an schwarze Anzüge und unaufhörliches Wangenküssen. Die Übersetzung klingt ungemein entlarvender, sie erinnert an den eigentlichen Vorgang: Unbeteiligte beurteilen in einer Art Probelauf den Verkehrswert des Bildes.
"Verkehrswert meint die Kunstfertigkeit, mit der ein Bild gemalt wurde, den späteren Gewinn für einen Raum, in dem das Bild hängen soll, und den Deutungsgehalt, also - lax gesagt, das, was einem das Ganze bringt.
Vorabbesichtigungen können also ohne den Maler stattfinden, sofern er seine Bilder gut aufhängt und deren Deutungsgehalt nicht wortreich erhöhen oder - auch das kann den Verkehrswert positiv beeinflussen - verschleiern möchte.
Willi Büsing hat uns allerdings zu einer Ausstellung eingeladen. Er nennt sie "Malgründe". Ich glaube, das ist etwas anderes. Vielleicht liefert sich da vor unseren Augen gerade einer aus, guckt selbst nicht nach links und rechts, malt, was das Zeug hält, arbeitet sehr schnell und viel, einfach deshalb, weil das gerade jetzt, womöglich nach langer Zeit, fällig ist. Warum bloß hat Willi dieses Tempo eingeschlagen? Und nur die Übersetzungshilfe "Hand" - was für ein dramaturgischer Trick - ist ganz zweifelsfrei ausgeführt.
Es kann sein, dass wir in Willis anderen Bildern Inszenierungen beobachten können mit rasch auftretenden Figuren, Bühnenbildern, mit Schauspielern, die gerade noch die Gelegenheit dazu haben, sich zu maskieren. Fast nichts ruht, alles ist in Bewegung, atemlos und beunruhigend hingeworfen. Die Titel der Bilder dechiffrieren auf den ersten Blick mehr, als diese selbst. Eines - von dem Willi selbst sagt, dass es ihm wichtig ist - heißt "Penthesileas Asche". Obwohl es sich eigentlich verbietet, will ich Penthesileas Geschichte in zwei schmalen Sätzen erzählen: Sie stürzt sich, auch weil Blut an den eigenen Händen klebt, in den vollkommen aussichtslosen Kampf mit Achill. Der sticht sie regelrecht ab und spürt Momente später, dass er, rasend, seine Chance vertan hat - er wird sie niemals kennen lernen können. Ich habe keine Ahnung, ob Willi in dieser Tragödie eine Rolle spielt und in den anderen Stücken, die er heute aufführt. Am Ende sagt er "Ich bin's nur" - wer weiß das schon und was heißt "nur"? Wir wollen nicht laut danach fragen und ratlos staunen, denn immerhin, es geht hier um keinerlei Verkehrswert, sondern um nichts geringeres als den Grund, warum jemand malt.
Sascha Wenzel, 3. März 2004
